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Internationale Konferenz bekennender Gemeinschaften und Kirche

April 5, 2016

Zum Kirchenverständnis der „Internationalen Konferenz Bekennender Gemeinschaften“ (IKBG)

Hansjürgen Knoche

Die IKBG und nicht zuletzt ihr deutscher Zweig hat einen internationalen Ruf bei Christen aller Konfessionen und erhebliches ökumenisches Gewicht. Ihre theologischen Erklärungen zu biblischen Themen und christlichen Glaubensfragen sind von ausgezeichneter Qualität. Das gilt auch wieder für die 2015 erschienene „Salzburger Erklärung“ mit dem Thema „Die heutige Bedrohung der menschlichen Geschöpflichkeit und ihre Überwindung. Leben nach dem Schöpferwillen“. Die Erklärung greift hier die Forderung von Papst Benedikt XVI nach einer „Ökologie des Menschen“ auf, die insbesondere durch die zeitgenössische Gender-Ideologie bedroht wird. Der Grundgedanke ist: im Naturschutz und Tierschutz hat sich weitgehend der Gedanke durchgesetzt, dass gewaltsame menschliche Eingriffe, die zur Zerstörung oder unnatürlichen Manipulation der Natur führen, ethische Maßstäbe verletzen. Dagegen werden gewaltsame Eingriffe in die geschaffene Natur des Menschen noch weitgehend als fortschrittlich und der menschlichen Selbstbestimmung dienend angesehen, was aber ebenfalls ethisch nicht gerechtfertigt ist. Wie alle Dokumente ist auch diese Erklärung für bibeltreue Christen aller Konfessionen überzeugend und akzeptabel, sie ist in vollem Sinn katholisch. Ihre Kritik richtet sich fast nur gegen jene protestantischen Landeskirchen, die den Schutz des menschlichen Lebens von der Geburt bis zum natürlichen Tod, das biblische Leitbild für Ehe und Familie und den Respekt vor der natürlichen Geschlechtlichkeit des Menschen weitgehend aufgegeben haben. Das alles könnte in der katholischen Kirche nicht besser und deutlicher gesagt werden sodass auch diese Erklärung wieder von kirchlichen Amtsträgern und Gläubigen aller Konfessionen, auch von katholischen Bischöfen und Kardinälen unterzeichnet werden konnte.

Bisher sind freilich alle diese Erklärungen und Appelle bei den Leitungen unserer protestantischen Landeskirchen ungehört verhallt und ohne praktische Wirkung geblieben.

Die große Zustimmung beruht freilich auch darauf, dass die IKBG die entscheidenden Streitfragen, die bis heute in der ökumenischen Diskussion anstehen, bisher nicht aufgegriffen hat: das Verständnis von Kirche, kirchlichem Amt, Bischofsamt, apostolischer Sukzession, weltweiter Gemeinschaft der Bischöfe untereinander und mit dem Papst und nicht zuletzt das Petrusamt des Papstes selbst. Gerade die Berliner Ökumene-Erklärung von 1974, sozusagen das Gründungsmanifest der IKBG, formuliert Selbstverständnis und Ziele der IKBG kirchenneutral und überkonfessionell. Sie spricht von dem Riss, der quer durch alle Konfessionen gehe, und dem „Gegensatz zwischen der Gemeinschaft im biblischen Bekenntnis zu Jesus Christus und einer weltverhafteten Ökumene“. Hierin sieht sie eine „unausweichliche Scheidung der Kirchen“ in die den Weltkirchenrat dominierende Welteinheitsvision und eine quer durch die Kirchen und Konfessionen gehende christologisch-biblische Bekenntnisökumene.

Am Ende der Salzburger Erklärung wird nun aber erstmals ausgesprochen, was die IKBG unter Kirche versteht. Es heißt dort: „Ein solches gemeinsames Zeugnis bedarf in der gegenwärtigen Situation allerdings einer Überwindung jener schwerwiegenden Spaltungen und Spannungen, die v.a. innerhalb eines Teils der protestantischen Kirchen in der Frage alternativer Lebensformen zu Ehe und Familie oder schöpfungswidriger Ideologien (wie dem Genderismus) entstanden sind. Wo diese Spaltungen im Moment nicht überwindbar sind, dürfen die bekennenden Christen in den einzelnen Kirchen nicht zögern, mit Christen anderer Kirchen zu einem gemeinsamen öffentlichen Bekenntnis der apostolischen Wahrheit zu finden und das Einssein in der Lehre der ‚einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche‘ öffentlich zu bekunden“. So weit so gut. Wie dieser Begriff aber hier verstanden wird, erläutert die folgende Fußnote:

„Die hier genannten vier Wesenseigenschaften der Kirche Jesu Christi finden sich im Glaubensbekenntnis von Nizäa-Konstantinopel (dem sog. Nizänum), das zu den gemeinsamen Bekenntnissen der katholischen und der orthodoxen Kirchen, der lutherischen und der anglikanischen Kirchen gehört. Der Begriff „katholisch“ ist in diesem Bekenntnis noch vorkonfessionell (da es noch keine Kirchenspaltung gab). Er ist daher nicht auf die römisch-katholische Kirche beschränkt, sondern bezieht sich auf die ganze (jede spezielle Konfession übergreifende) Kirche“.

Das finde ich bedenklich, denn damit gibt die IKBG ihre bisherige ekklesiologische Neutralität auf, die es ermöglicht hat, dass Mitglieder aller Kirchen und Konfessionen ihren Erklärungen zustimmen konnten. Sie bekennt sich damit zu einem ganz bestimmten Einheitsmodell, das nicht das der katholischen Kirche ist – aber auch nicht das der Augsburgischen Konfession. Die Formulierung erinnert vielmehr an die für die katholische Kirche unannehmbare Leuenberger Konkordie, in der es (Nr. 14) heißt: „Die beteiligten Kirchen sind der Überzeugung, dass sie gemeinsam an der einen Kirche Jesu Christi teilhaben und dass der Herr sie zum gemeinsamen Dienst befreit und verpflichtet“. [Hervorhebungen von mir]. In ähnlicher Weise formuliert z.B. auch die Hochkirchliche Sankt Johannesbruderschaft, obwohl sie Mitglied der Hochkirchlichen Vereinigung „Augsburgischen Bekenntnisses“ ist, in ihrer Erklärung „Das kirchliche Amt in der Nachfolge der Apostel“: „Sie [sc. die Kirche] ist als EINE HEILIGE KIRCHE verwirklicht in allen Konfessionskirchen, den Ortskirchen, den Ortgemeinden und Christlichen Gemeinschaften. In ihnen allen subsistiert die EINE HEILIGE KIRCHE“. Das ist eindeutig nicht der Kirchenbegriff des Augsburger Bekenntnisses, das sich ebenso wie die römisch-katholische Kirche auf die eine ungeteilte (lateinisch-abendländische) heilige katholische und apostolische Kirche beruft und als deren Teil verstanden hat. Mit diesem Kirchenverständnis, hätte die IKBG ihre überkonfessionelle Neutralität aufgegeben und wäre auf die Linie der protestantischen Landeskirchen zurückgekehrt.

Sich für diesen Standpunkt auf das Nizänum zu berufen, scheint mir auch der innere Logik zu entbehren, denn wie man den vorkonfessionellen, die eine ungeteilte Kirche bezeichnenden Begriff der Katholizität im Nizänum auf die konfessionell gespaltene Vielfalt der heutigen „Kirchen“ übertragen kann, erscheint mir nicht als nachvollziehbar. Im Gegenteil zeigt doch dieser mit Recht als „vorkonfessionell“ bezeichnete Begriff, dass sich die heutigen Konfessionskirchen allenfalls als ökumenische Zielvorstellung (was sie nach der Aufkündigung der „Konsensökumene“ und der Propagierung der „Ökumene der Profile“ aber nicht mehr wollen), nicht aber als Zustandsbeschreibung auf ihn berufen können. Logisch folgerichtig erscheint mir allein das katholische Verständnis, wonach die eine ungeteilte Kirche Jesu Christi bis heute in der römisch-katholischen Kirche (die nicht einfach damit gleichzusetzen ist!) „subsistiert“ (bleibend gegenwärtig ist) (LG 8).

Anders ist es glücklicherweise mit dem Schriftverständnis der IKBG. Vielleicht ist nicht allen Mitgliedern bewusst, dass die theologischen Erklärungen nur deshalb stets Zustimmung bei katholischen Autoritäten finden können, weil hier die Bibel gerade nicht nach dem protestantischen Glauben, sie lege sich selbst aus (was im heutigen Protestantismus meist bedeutet: Ich lege mir die Bibel selbst aus), behandelt wird, sondern im katholischen Verständnis als die vom kirchlichen Lehramt geschaffene Urkunde der ungeteilten Kirche, die deshalb auch entsprechend der apostolischen Tradition des Lehramts ausgelegt werden muss. Nur in dieser Auslegung bleibt sie das Zeugnis für die unteilbare Einheit der Kirche. Die Bibel ist Urkunde der Kirche und damit auch das Zeugnis für ihre unteilbare Einheit. Auch dazu steht das in der Fußnote der Salzburger Erklärung ausgedrückte Kirchenverständnis m. E. in Widerspruch.

Die IKBG wird sich nun nach meiner Überzeugung zwischen drei Alternativen entscheiden müssen. Entweder bleibt sie bei diesem nunmehr eindeutig protestantisch-konfessionell geprägten Kirchenbegriff. Dann bleibt sie eine innerprotestantische Protestbewegung, die in den Landeskirchen nichts Wesentliches bewirkt und zur Kircheneinheit kaum beitragen kann. Oder sie kehrt zu ihrer bisherigen demonstrativen ekklesiologischen Indifferenz zurück. Dann muss sie sich fragen lassen, ob ihre theologischen Erklärungen mehr sind als nur ein wohltuendes theologisches und pastorales Palliativum, das sich zwar der katholischen Zustimmung wie des landeskirchlichen Desinteresses sicher sein kann, damit aber auch nichts zur Überwindung der Kirchenspaltung beiträgt. Oder, dritte Alternative, sie bekennt sich zur Katholizität der einen und ungeteilten Kirche Christi, die sie doch in ihrer Schriftauslegung immer stillschweigend voraussetzt.

Damit hätten übrigens die überzeugten und traditionsbewussten Lutheraner, die wohl das entscheidende Wort in der IKBG haben, eine wirklich ökumenisch relevante Chance. Sie könnten die bisher schon von zahlreichen kleineren lutherischen Gemeinschaften an Rom gerichtete Bitte unterstützen, Personalordinariate ähnlich wie für die Anglikaner nach der Apostolischen Konstitution „Anglicanorum coetibus“ zu errichten, in die sie ihre gesamtkirchlich legitimen lutherischen Traditionen einbringen und so vor neuprotestantischer Entstellung bewahren könnten. Wenn von dieser großen und international einflussreichen Organisation eine solche Bitte käme, würde wohl der Papst dasselbe sagen müssen, was Benedikt XVI. in seiner Konstitution gesagt hat: „Denn der Nachfolger des heiligen Petrus, der vom Herrn Jesus den Auftrag erhalten hat, die Einheit unter den Bischöfen zu garantieren und der universalen Gemeinschaft aller Kirchen vorzustehen und diese zu schützen, kann es nicht unterlassen, die erforderlichen Mittel bereit zu stellen, um diesen heiligen Wunsch zu verwirklichen“.

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